Archive

Archive for October, 2011

Übungen – Freiwillig oder mit Peitsche?

30. October 2011 3 comments

Ich rege mich schon seit einiger Zeit darüber auf, dass immer noch Mathematik-Dozenten die Übungen als Prüfung ansehen. Bei der letztjährigen Tagung der mathematischen Fachbereiche kam das Thema zur Sprache, mit dem Tenor, dass die dummen Modularisierungsregeln eine Verankerung der Übungen als Prüfung nicht erlauben würden, und ob man etwas dagegen tun könne. Ich habe die Hoffnung, dass meine Werbung für freiwillige Übungen wenigstens bei einigen auf offene Ohren gestoßen ist. Da ich nun von Studentenseite wieder mit dem Thema konfrontiert wurde, ist es Zeit für diesen Blogeintrag – in deutsch, denn das ist ein rein deutsches Thema.

Verpflichtende Übungen, also zum Beispiel 50% der Lösungen mit oder ohne Bewertung des Vorrechnens, oder auch eine verpflichtende Übungsklausur, egal wie niedrig der Pflichtsatz ist, sind rechtlich und didaktisch ein schlechte Idee.

Hier zunächst die rechtlichen Probleme.

  • Aufgrund der Härten der Modularisierung gibt es in den meisten Ländern Erlasse, dass zu jeder Prüfung eine zeitnahe Wiederholungsmöglichkeit gegeben werden muss. Das gilt auch für Seminararbeiten oder sonstige Arbeiten, und zwar mit einer Nachbesserungsmöglichkeit. Die Chance, seine Leistung zu verbessern, sollte jeder bekommen. Wie aber ist das bei einer verpassten Übungsquote sinnvoll möglich und machbar? Und wollen wir wirklich Zulassungsklausuren mit Wiederholungsprüfung?
  • Verpflichtende Übungen sind ungerecht, bis zu dem Grad, dass ein Student gegen die Rückweisung von der Klausur klagen könnte mit dem Argument, dass der Student neben ihm alle Übungen abgeschrieben hat, oder dass er sich hat helfen lassen. Übungen, die zu Hause gemacht werden, erfüllen nicht die Kriterien einer gerechten Prüfung. Auch das Vorrechnen hilft da nicht, da das Abschreiben der eigenen Lösung vom Blatt keine Prüfung ist, und zusätzliche Prüfungsfragen rein zufällige mündliche Noten ergeben würden.

Es soll auch Universitäten geben, in denen die Tutorien, die eigentlich vom Studenten bezahlt werden um ihm zu helfen, Pflichtveranstaltungen sind, bei denen sowohl Anwesenheitspflicht, als auch Mitwirkungspflicht besteht, die beide in die Beurteilung eingeben, ob der Student der Prüfung würdig ist oder nicht.

Neben diesen schwerwiegenden rechtlichen Bedenken gibt es aber auch ebenso gewichtige didaktische und menschliche Probleme.
  • Die Drohung mit einer Quote veranlasst den Studenten vom ersten Tag an, Übungen abzuschreiben. Er wäre dumm, wenn er diese Möglichkeit nicht in Anspruch nähme, insbesondere, wenn man den Druck von 4-6 gleichzeitig zu bestehenden Modulen bedenkt. Statt dessen sollte die Übung zum selbständigen Erarbeiten des Stoffes anregen, auch wenn das schief geht. Eine Quote zwingt ihn geradezu zum Gegenteil von dem, was ein gutes Studium ausmacht, dem selbständigen Arbeiten. Jeder, der schon einmal Übungen korrigiert hat, bei denen eine Drohung dahinter steht, weiß das.
  • Vom Klassenprimus abgeschriebene Lösungen geben dem Dozenten ein falsches Feedback über den Stand seiner Studenten. In der Praxis bleibt dem Dozenten nichts anderes, als die Abschreiberei zu akzeptieren, und die Klausur dann erheblich leichter bis trivial zu gestalten. Professoren machen sich im Allgemeinen nicht das geringste Bild darüber, wie viel tatsächlich unten ankommt. Das durch die Quoten erzwungene Abschreiben trägt zu dieser Selbsttäuschung bei.
  • Man kann den Unterschied zwischen Schulmathematik und einem Mathematikstudium gar nicht hoch genug einschätzen, insbesondere wenn man die Kenntnisse der meisten Dozenten darüber kennt, was in der Schule wirklich dran kommt, und was nicht. Folglich erleben die Studenten das ganze erste Studienjahr als fortgesetzten Frust, und das Studium wird zur Probe auf Frusttoleranz. Dauernd kommt neuer Stoff, und dieser Stoff muss sofort selbständig angewendet werden, und zwar, das ist das Entscheidende, mit Prüfungsdruck! Fällt dieser Prüfungsdruck weg, wird die Übung zu dem, was ihr Name sagt, einer Übung, bei der auch mal was schief gehen kann.
  • Jeder Mathematiker sollte wissen, dass Probleme im Nachhinein leichter aussehen als vorher. Oftmals erscheinen die eigenen Papers im Rückblick als simple Leistung. Das ist bei Studienanfängern nicht anders. Warum sollte dieser Lernprozess abgeprüft werden? Denn auch der Prozess, sich selbst an einem Problem zu versuchen, ist etwas, das man lernen muss.
  • Was für eine Menschenbild liegt eigentlich der Quote zugrunde? Doch wohl kein sehr positives. Es ist das Bild, das alternde Dozenten eben von Studenten haben: ein unmotivierter und ungebildeter, lernunwilliger Haufen, den man zur Arbeit zwingen muss. Die Studenten empfinden das zu Recht als Zumutung. Insbesondere deswegen, weil ihre Hausaufgaben schon seit Jahren nicht mehr kontrolliert, oder gar benotet wurden.

In der Praxis sieht das so aus.

  • Freiwillige Übungen machen sicherlich mehr Arbeit. Statt 30 Kopien derselben Lösung bekommt man nun 30 verschiedene Lösungsansätze.
  • Man bekommt dafür ein genaues Bild darüber, wie die Dinge überhaupt verstanden werden.
  • Werden die Studenten nicht zwischenzeitlich von anderen Dozenten mit diesem unseligen Abschreibzwang verdorben, so machen sie die Übungen bis zum Studienende freiwillig in großer Zahl.
  • Das gilt insbesondere dann, wenn die Klausur mit Hilfe der Übungen erreichbar wird, wenn also die Übungen etwas mit der Klausur zu tun haben, und wenn die Studenten das zuverlässig wissen.

FauXPas

26. October 2011 Leave a comment

Ich verlinke mal auf den Bildblog, weil dort ein hübscher Mathematikfehler dokumentiert ist, und weil der Blog sowie lesenswert ist.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.